(Wieder-)Verbinden mit dem Selbst, Anderen und der Welt

(Wieder-)Verbinden mit dem Selbst, Anderen und der Welt

Wenn wir tanzen, verbinden wir uns. Wir stellen die Beziehung zum Selbst (zu unserem physischen und emotionalen Selbst), zu anderen (zu Tanzpartnern, Ehepartnern, Kindern, Familie, Gemeinschaft, aber auch zu anderen Spezies) und zu unserer Umgebung (zu Hause, im Studio, auf öffentlichen Plätzen, in der Natur, auf der Erde, im Kosmos) wieder her.


Die Betonung liegt auf dem "Wieder", da wir mit einer intuitiven Art des Seins auf die Welt kommen: in unserem Körper zu sein und uns zu bewegen, organisch einen angeborenen Sinn für das Selbst zu entwickeln (wenn wir als Kind genährt und gefördert werden), auf genetische Veranlagungen zu reagieren und sozial zu sein und mit einer natürlichen Ehrfurcht vor Kräften zu leben, die größer sind als wir. Es ist leider nur so, dass unsere Erziehung uns anders konditioniert hat. Diejenigen von uns, die in der westlichen Kultur aufgewachsen sind, wurden von der kulturellen Betonung des "Ich denke, also bin ich" tief beeinflusst. Bildung, Medizin, Wissenschaft, Religion... Hunderte von Jahren an Botschaften, dass der Körper vom Geist getrennt ist, dass diese Trennung die einzig gültige Art zu leben ist.


Innerhalb dieser kulturellen Bezüge wurde uns beigebracht, den Körper als schmutzig, sündig, minderwertig und böse zu missachten. Uns wurde beigebracht, dass Selbstfürsorge egozentrisch ist (besonders für Frauen), dass die Natur zu beherrschen ist und Tiere und andere Spezies in ihrer Entwicklung unter dem Menschen stehen und daher weniger wert sind. Das Erbe der Ureinwohner ist voll von Ritualen zur Ehrung der Erde, des Kosmos und der natürlichen Rhythmen, einfach weil sie in und mit der natürlichen Welt leben und nicht über ihr. In der westlichen Welt haben wir einen großen Teil dieser natürlichen Sichtweise verloren. Die gute Nachricht ist, dass diese Verbindung so tief in uns verwurzelt ist, so grundlegend in den Fundamenten unseres physischen, emotionalen, sozialen und spirituellen Lebens verankert ist, dass wir unsere Verhaltensweisen und damit vielleicht sogar Teile unserer Gesellschaft umgestalten können. Wir können etwas dagegen tun, und es ist die Arbeit mit dem Körper, die am effizientesten ist.


Der Körper ist unser bestes Werkzeug, um uns (wieder) zu verbinden, einfach weil er so direkt ist. Berührt zu werden, löst sofort Spannungen im Nervensystem, weil es die Botschaft der Co-Regulation vermittelt. Ich bin nicht allein, ich bin sicher. Tanzen ist eine Form der Aktivierung und des Ausdrucks, eine berauschende, manchmal auch introspektive Art, seinen Körper und die damit einhergehenden Emotionen zu spüren. Einfache Bewegungen aktivieren die Interozeption und Propriozeption, die Selbstwahrnehmung im Körper und im Raum.


Wenn Kinder in einer Umgebung aufwachsen, in der sie willkommen und gefördert werden, um sowohl frei als auch sicher zu sein, kann sich ein stabiler Sinn für das Selbst entwickeln, ein innerer Kompass, im Jungschen Sinne der Archetyp des Selbst. Leider sind die meisten von uns in Familiensystemen aufgewachsen, in denen Urteile, Bedingungen und emotionaler Missbrauch an der Tagesordnung waren. Glücklicherweise können wir diesen Sinn des Selbst (wieder) erlernen, ein geerdetes, reifes Selbstbewusstsein mit einer guten Balance von Vernunft und Intuition. Wir laden diesen Prozess durch Tanzen und Bewegen innerhalb eines sicheren Containers ein, in dem das Loslassen alter Wunden und Bedingungen möglich ist. In der Praxis von Authentic Movement haben wir die Möglichkeit, diese Konditionierung zu heilen, die durch Gedanken (eigene oder andere), durch Werte von richtig oder falsch, durch das Einordnen unseres Lebens in Kategorien von Erfolgen oder Misserfolgen entstanden ist. Stattdessen lernen wir, in unserem eigenen Sinn und Wert des Selbst zu leben.


Das Eintreten in eine somatischen Welt beinhaltet die Einladung, auf die inneren Prozesse von Herz, Verstand und Seele zu hören, auf eine subjektive innere Welt, auf Empfindungen, Gefühle, Geschichten und Bilder, die nicht an Zeit und Vernunft gebunden sind, sondern von einem prozessorientierten, individuellen Ausdruck von allem, was wir sind, geleitet werden. Dieser Prozess schließt andere natürlich mit ein. Selbst der introvertierteste Mensch wird irgendwann erkennen, dass er nicht allein auf dieser Welt ist, dass die Person neben ihm sie zum Lächeln bringen kann oder dass die Umarmung, die er erhält, sich tröstlich anfühlt. Wir sind zutiefst soziale Wesen, ganz gleich, wie individualistisch unsere Gesellschaften geworden sein mögen. Wir sehnen uns nach Gesellschaft, wir sehnen uns nach Berührung, wir sehnen uns nach Nähe. In der Integrativen Contact Improvisation lernen wir einen achtsamen Umgang mit diesem Grundbedürfnis nach sozialen Austausch, nach Begegnung, wir lernen Ja zu sagen zum Miteinander auch wenn wir manchmal Grenzen setzten. Wir lernen einen spielerischen, freien Umgang mit uns selbst im Kontakt mit anderen.


Zu guter letzt, erleben wir uns alle als ein Teil von der Natur, ob wir es wissen oder nicht. Unser gesamtes Leben ist bestimmt von der Schwerkraft, von den Jahreszeiten und Temperaturen, von der Verfügbarkeit von Nahrung, Wasser, Luft, alles das was wir zum Leben brauchen. Wir brauchen die Erde, sie ist unsere Lebensgrundlage und wir brauchen eine gesunde Erde, so wie wie wir einen gesunden Körper brauchen. Es ist fast unmöglich sich mit dem eigenen Körper (wieder-) zu verbinden, einen liebevollen Umgang mit anderen zu pflegen und die Umwelt, unsere Erde ausser acht zu lassen. In diesem Sinne ist die ganzheitliche Tanzpraxis auch eine (Wieder)Verbindung mit der Welt und dem Kosmos, unserer Welt, die wir gemeinsam gestalten, pflegen und hegen dürfen, als Privileg und in Dankbarkeit.


(Wieder-)Verbinden ist ein kollektiver Prozess. Wir sind nicht von einander getrennt. Die Buddhisten wissen es, die Natur weiß es, das Herz weiß es. (Wieder-)Verbinden bedeutet, die Realität zu akzeptieren, dass wir von anderen und von unserer Umwelt abhängig sind, und das macht uns zutiefst verletzlich. Diese Verletzlichkeit zu akzeptieren bedeutet, die menschliche Natur grundsätzlich zu akzeptieren, das Leben zu akzeptieren. Wir können den Pfad eines ganzheitlichen Lebens wieder betreten, indem wir unsere Verbundenheit anerkennen, indem wir die Fähigkeiten lernen und üben, uns wieder zu verbinden, indem wir den Schmerz ausdrücken, der auf dem Weg auftauchen mag. Viele von uns sind bereits auf diesem Weg und wir leben und atmen die Freude, die Freiheit, die unspektakuläre Bodenständigkeit eines verbundenen Lebens. Machen wir weiter.


"Uns mit unserem physischen Körper gut zu verbinden, mag nach einem sehr kleinen Beitrag aussehen. Aber da die Ablehnung unserer eigenen Körperlichkeit die Wurzel für den unnatürlichen und missbilligenden Umgang mit unserem Planeten darstellt, mag eben dieser kleine Beitrag genau jener Anstoß sein, der eine Veränderungswelle zum Guten in der Welt hervorbringt."


Nala Walla

"Hope beneath our Feet", herausgegeben von Martin Keogh

(c) Cristi Serban

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