Blog: als Lehrer*in gesehen werden

Unterrichten ist eine darstellende Kunst, man steht vor Menschen und hoffentlich hören sie zu, was man zu sagen hat. Das Unterrichten erfordert ein gewisses Maß an Durchsetzungsvermögen, Mut und Feuer, um das Furchterregende auszuhalten. Wenn wir vor 6 Leuten oder 20 oder 70 stehen, sind wir auf der Bühne, sie schauen auf uns, um zu sehen, was wir zu bieten haben, in welche Richtung wir sie leiten werden. Der Unterschied zu einer Performance ist, dass bei einer Live-Performance in einem Theater die Leute nach Hause gehen können und wenn es ihnen nicht gefallen hat, werden sie nicht wiederkommen. Wenn sie das, was du im Unterricht anbietest, nicht mögen, wirst du die Ergebnisse direkt vor dir sehen und hören. In gewisser Weise ist Unterrichten das Unheimlichste, was man tun kann, aber es kann auch das Lohnendste sein.


Du musst keine professionelle Tänzerin sein (obwohl Training natürlich notwendig ist), um Tanz zu unterrichten, aber du musst üben, gesehen zu werden, wenn du tanzt. Wenn du gerne tanzt, aber ausflippst, wenn du beobachtet wirst, wird es schwierig sein, eine Übung vor der Klasse zu demonstrieren. Wenn su Angst hast, in der Öffentlichkeit zu sprechen, ebenso. Was ist also die Lösung? Üben, üben, üben. Wenn du weißt, dass du schüchtern bist und lieber hinten in der Klasse stehst als vorne, übe, vorne zu stehen. Wenn du weißt, dass du gut in einer Gruppe tanzen kannst, aber bei Soli einfrierst - übe Soli. Wenn du Angst hast, vor Menschen zu sprechen, versuche es vor einem Spiegel, deinen Kindern, deinen Freunden.


Einige der erstaunlichsten Lehrer und Künstler haben schreckliches Lampenfieber (die Autorin eingeschlossen), aber es sollte dich nicht davon abhalten, das anzubieten, was du am liebsten anbieten möchtest. Es braucht allerdings das Bewusstsein, dass es eine eigene Fähigkeit ist, dem inneren Dämon zu widerstehen, der einem sagt, dass man nicht gut genug ist; zu erkennen, dass es nicht egoistisch, sondern funktional ist, seine Bewegungen klar zu artikulieren und langsam zu demonstrieren. Als Tanzpädagog*in werden sich die Schüler an dir ein Beispiel nehmen, ihr BodyMind wird automatisch deine bevorzugte Art und Weise, in den Boden hinein und wieder hoch zu kommen, aufgreifen, sie werden den spezifischen Griff nachahmen, den du mit deinem Tanzpartner machst, und sie werden deine Schwächen spiegeln. Je mehr Präzision du also in deinem eigenen Tanz und deiner "Performance" als Lehrer*in bringst, desto besser wird dein Unterricht sein.


Verstehe mich bitte NICHT falsch, beim Unterrichten geht es nicht um DICH! Es gibt viele fabelhafte Tänzer*innen da draußen, die brillante technische Fähigkeiten haben und wissen, wie man Material vor Schülern präsentiert, aber bei ihrem Unterricht geht es nur um SIE. Sie wollen Aufmerksamkeit und Zuneigung bekommen, sie wollen in ihren fantastischen Fähigkeiten gesehen werden und sie wollen, dass man sie liebt. An all dem ist nichts verwerflich, aber ich würde das nicht als Unterrichten bezeichnen, sondern als Selbstdarstellung.


Manche von uns sind von Natur aus eher extrovertiert, andere eher introvertiert. So oder so, das Wichtigste ist, dass du das Tanzen liebst und anderen helfen willst, dieselbe Freude zu empfinden, die du beim Tanzen empfindest (denke aber daran, dass deren Freude ganz anders aussehen kann als deine). Es ist hilfreich, sich daran zu gewöhnen, beim Tanzen vor anderen zu stehen, damit sie sich daran gewöhnen können, sich vor dir und anderen Teilnehmer*innen frei auszudrücken. Es ist hilfreich, sich darin zu üben, selbst Feedback zu bekommen, damit du auf eine freundliche und achtsame Art und Weise Feedback geben kannst. Außerdem hilft es, sich mit unseren (bei den meisten von uns) tief verwurzelten Ängsten, etwas falsch zu machen, auseinanderzusetzen, so dass wir einen urteilsfreien Raum schaffen, in dem sich die Teilnehmer*innen sicher fühlen, um zu experimentieren und zu lernen.


Wir streben also nach diesem wunderbar ausgewogenen Ort, ein gutes Beispiel und eine sensible Leiterin zu sein. Man muss seine physischen und verbalen Fähigkeiten als Lehrer*in


verfeinern, um ein inspirierendes Beispiel zu werden, und man muss sich darin üben, seinen Fokus auf die Fähigkeiten, Entwicklungen und Bedürfnisse seiner Schüler zu richten. Das ist die hohe Kunst des Unterrichtens.





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