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Blog: Das Unbekannte entwirren

Aktualisiert: 21. Apr.

Als Teil meiner Vorbereitung (und Reflexion) für den Unterricht "Deep Blue Sea, Unwinding the Unknown" in der Tanzfabrik Berlin nach Ostern, schreibe ich diese Gedanken auf.

Unwinding (Entwirren) ist ein mysteriöser und doch organischer Prozess, den wir erleben, wenn es Zeit, Raum und Unterstützung gibt, um die Wunden zu heilen, die Heilung brauchen. Unwinding ist ein Loslassen von Spannungen, eine Reorganisation von Gewebe, Knochen, Organen, die folglich eine Neuausrichtung von Körper, Psyche und Geist mit sich bringt. Es ist ein hochkomplexer und magischer Prozess, den unser BodyMind intuitiv versteht und anerkennt, wenn wir es zulassen. Das Entwirren ist der Kern eines jeden Transformationsprozess.

Ein Trauma kann so definiert werden: die Auswirkung eines Einflusses auf Körper, Seele und Geist (und oft auf alle Aspekte gleichzeitig) , den die Person zum Zeitpunkt des Geschehens nicht vollständig verarbeiten kann. Aufgrund unglaublich komplexer Sicherheitsfunktionen in unserem Nervensystem spalten wir in Zeiten von Stress und Gefahr Empfindungen ab, um bestimmte Umstände zu überleben. Diese nicht gelebten Empfindungen werden in unserem Körpergedächtnis gespeichert und dürfen für ein vollständiges Ganzwerden später wieder aufgearbeitet werden. Oft geschieht diese Aufarbeitung nicht zeitgemäß, in der Annahme, dass "es sich von selbst regeln wird". Mangelndes Verständnis, fehlende Unterstützung, Zeit und/oder Ressourcen sind oft die Ursachen für diese Nachlässigkeit. Diese "festgefahrenen Erinnerungen" werden in unserem System gespeichert und können langfristige, multidimensionale Auswirkungen auf Körper, Psyche und Geist haben.


Entwirren ist eine ganz natürliche Reaktion, wenn es zu z.B. zu einer plötzlichen Begegnung kommt: Wir sehen es deutlich bei Tieren. Der Hund, der von etwas erschreckt wird, springt auf, bellt, erstarrt oder greift an. Wenn die Bedrohung vorbei ist, schüttelt er sich, rennt eine Weile herum und seine Muskulatur entspannt sich durch Bewegung wieder. Durch das Loslassen (Schütteln, Laufen, Atmen,...) wird der Stress der vermeintlichen Gefahr abgebaut und ein möglicher tiefergehender Effekt, durch eine sofortige Bewegungsreaktion abgewendet.


Als Menschen sind wir oft nicht so direkt in der Verarbeitung. Aufgrund kultureller Konditionierung, innerer Vourteile oder einfach aus Mangel an angemessener Unterstützung halten wir die Erfahrung viel länger fest, speichern und verstärken dadurch den Stress. Ein ungelöstes Trauma wird oft zu einer Sollbruchstelle oder einer so genannten "archaischen Wunde".


Hugh Milne sagt in seinem Buch "Das Herz des Zuhörens":

"Archaische Wunden neigen dazu, im Körper eingeschlossen zu werden, aufbewahrt in einer Art Zeitkapsel. Wenn man sie erreicht, neigt der Körper dazu, sich zu verschließen - zu erstarren, wie bei einem Schreck. Wenn jedoch genügend Vertrauen vorhanden ist, beginnen sich die Erinnerungen zu lösen und die Zeitkapsel gibt ihren Inhalt frei. Die KlientIn erlebt das Ereignis wieder, mit all den Gerüchen, Geräuschen, Bildern und Ängsten."


Die gute Nachricht ist: Mit einer kompeteten TrainerIn/PädagogIn/KörpertherapeutIn kann eine vertrauensvolle Atmosphäre geschaffen werden (unser BodyMind erkennt dies intuitiv), wir können dann diese Zeitkapseln vorsichtig öffnen, Zugang zu diesen festgefahrenen Bereichen und unsere natürliche Entfaltungsreaktion finden.

Aus meiner Sicht kann sich das Lösen von Spannungen auf viele Arten zeigen: schnelle, kleine Eigenbewegungen des Körpers oder ganz-körperliches Schütteln, Gähnen, Zusammenziehen und Ausdehnen, Wellenbewegungen der Wirbelsäule, Bewegungen des Kiefers wie Beißen, Zähne zeigen oder Zittern und in gewissem Maße jede ausdrucksstarke Bewegung, die nicht im Vorhinein geplant ist. Manchmal sind diese Bewegungen recht subtil und werden von inneren Bildern oder Klängen begleitet. Manchmal können die Bewegungen auch kraftvoll und raumgreifend sein.


In einer Umgebung, in der wir genügend Raum (ein ausgewogenes Tempo zwischen strukturierten und improvisierten Bewegungen oder Berührungen), Zeit (die natürlichen Wellen der Landung spüren, tiefer eintauchen und wieder hochspringen, um sich zu integrieren) und Sicherheit (eine nicht wertende Atmosphäre, Bezeugen statt Analysieren...) schaffen, können wir den Stress, den frühere Einflüsse in unserem BodyMind hinterlassen haben, wahrnehmen, bewusst machen und loslassen.

Was wirklich wichtig ist: Wir können die Geschwindigkeit des Heilungsprozesses von jemandem nicht erzwingen. Im Gegenteil, wenn wir unserer KlientIn/TeilnehmerIn drängen wird ein "Leistungsdruck" entstehen und höchstwahrscheinlich daraufhin auch Widerstand. Wenn wir jemanden in eine Richtung forcieren, geht es weniger um die Person als vielmehr um unseren eigenen "Erfolg" als VermittlerIn. Sei dir dieses Gefühls bewusst: "Sieh mal, wie viel Trauma in meinem Workshop gelöst werden kann!". Auch eine gewisse Bewunderung von außen kann sich einstellen, wenn man in der Lage ist, das Entwirren von alten Erinnerungen herbeizuführen. Es ist ein sehr sensibler Bereich, in dem wir KlientenInnen/TeilnehmerInnen hinein begleiten, und es ist wichtig, dir deiner eigenen Motive dahinter bewusst zu sein.


Kann ich warten? Kann ich es der Person überlassen, zu entscheiden, wann und in welcher Form sich das Unwinding zeigen wird? Kann ich im Nicht-Wissen sein, wann oder ob es eine Auflösung geben wird? Kann ich es dem größeren Geist überlassen, anstatt es für die Erfolgsgeschichte meines eigenen Egos zu verbuchen?

"Man kann nie zu tief gehen, nur zu schnell." Hugh Milne

Heilung ist ein Mysterium und das müssen wir anerkennen. Einige TeilnehmerInnen werden unmittelbare Rückverbindungsbewegungen und emotionale Erleichterung zeigen, sie werden in der Lage sein, diesen Prozess während des gleichen Kurses zu verbalisieren. Bei vielen dauert der Prozess jedoch länger, und die Einladung zum Loslassen kann auch außerhalb des eigentlichen Workshops/Settings auftauchen. Manchmal kommt es über Nacht im Schlaf oder bei einem Spaziergang in der Natur zu einem Wiederverbinden, vielleicht verändert sich etwas während eines Saunabesuchs, manchmal verändert sich etwas viele Tage oder sogar Monate später.

Wir können Heilung nicht erzwingen und in vielerlei Hinsicht geht es darum, den Weg frei zu machen. Einen Weg zu finden, wie die TeilnehmerIn/KlientenIn festgehaltene Muster loslassen kann, bedeutet, der natürlichen Energielinie freien Lauf zu lassen. Es bedeutet auch, dem Ego der LehrerIn aus dem Weg zu gehen und es nicht als etwas zu "beanspruchen", das wir "für sie" getan haben. Es ist ein bescheidener und lebensbejahender Prozess, dem wir einen Rahmen geben, bezeugen und im Dienst sein können.




(c) Olga Berdikyan




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