Grenzen, Selbstfürsorge und die Jam Kultur (zu unterscheiden von der Praxis der CI im Allgemeinen)

Als die Diskussion in der Wiener CI-Community über Grenzen, Verantwortlichkeiten und übergriffiges Verhalten bei Contact Jams wieder aufflammt, bin ich berührt und erstaunt über die Intensität der Diskussion. Ich bin seit mehr als 25 Jahren aktives Mitglied einer internationalen Contact Improvisation Community und bin erstaunt, dass wir immer noch einen so blinden Fleck bei diesem Thema haben. Ich habe aber auch viel Mitgefühl für uns als Gemeinschaft, weil das Trauma so tief sitzt. Aus meiner Sicht ist dies eine großartige Gelegenheit, persönliche und kollektive Schatten*-Aspekte in der Form der Contact Improvisation zu betrachten.


Ich habe sexuellen Missbrauch in meiner Kindheit erlebt und überstanden. Ich habe bis zu meinem 45. Lebensjahr gebraucht, um überhaupt herauszufinden, dass mir das passiert ist (obwohl ich schon seit vielen Jahren vermutet hatte, dass etwas nicht stimmt) und wie es mein Leben beeinflusst hat. Ich erlebte etwas, das als energetischer sexueller Missbrauch bezeichnet wird, was bedeutet, dass ich in einer sexualisierten Atmosphäre aufgewachsen bin und durch diesen Blickwinkel durch wichtige Bezugspersonen objektiviert wurde. Als Kind, Jugendliche und später als Erwachsene hat dies mein Gefühl von Sicherheit in der Welt, mein Gefühl von Leichtigkeit, Wohlfühlen und Vertrauen in intimen, persönlichen Beziehungen und mein Gefühl, einen "übersexualisierten Körper" zu haben, zutiefst geprägt. Energetischer Missbrauch gilt als echter sexueller Missbrauch, auch wenn er, wie viele emotionale Misshandlungen, sehr schwer zu messen und zu beweisen ist.


Wie hat dies mein Verhalten als Tänzerin geprägt? Nun, wie viele von uns hatte ich viele dance floor lovers, lovers außerhalb der Tanzfläche innerhalb der Tanzgemeinschaft, ich hatte sexuelle Beziehungen mit meinen Lehrern als Schülerin (allerdings nie als Lehrerin...) und oft verwirrte mich einfach die Grenze zwischen einem intensiven, intimen Tanz und einer persönlichen Beziehung. Durch viele Jahre persönlicher Reflexion, authentischer Bewegungspraxis, Körper- und Psychotherapie und heilender Tantra-Praktiken war ich in der Lage, einen Teil dieser Verwirrung zu überwinden und viele dieser Wunden zu heilen. Trotzdem ist es immer noch meine Matrix und ich habe noch viel zu lernen.


Warum erzähle ich das hier im Zusammenhang mit meiner Arbeit und der Diskussion über die CI-Jams? Ich denke, für viele von uns liegt dieser energetische Missbrauch immer noch im Schatten. In unserer ganzen Diskussion darüber, was wirklich bei dieser Jam passiert ist und wer gesehen hat, was er oder sie wirklich getan hat und ob er/sie ein Opfer ist oder ob das wirklich wahr ist usw., vergesst bitte nicht, dass wir bei einer Jam in einem kollektiven Pool von Energie tanzen. Wir erschaffen den Raum gemeinsam. Wir teilen die Verantwortung.


Das Überschreiten einer Grenze kann eine höchst subjektive Erfahrung sein. Feinstoffliche Energien können im psychosomatischen Energiekörper einer Person gefühlt und gespürt werden. Es kommt im Energiekörper an, egal ob der Sender oder der Empfänger sich dessen bewusst sind oder nicht (deshalb erkennen wir oft erst später, was geschehen ist). Unabhängig von bewussten oder unbewussten Absichten kann sich übergriffige, übermäßig sexualisierte Energie bedrohlich, objektivierend, erdrückend und einfach sehr unangenehm anfühlen.


Diese subjektive Erfahrung ist durch meine bisherigen Lebenserfahrungen gefärbt. Sie ist geprägt von meiner sensorischen und kinästhetischen Wahrnehmung, meiner psychologischen Ausbildung, meinen persönlichen, familiären und kulturellen Einstellungen zu Sex, Grenzen und Schamgefühlen, meiner Fähigkeit, Unbehagen zu erkennen und meinem Selbstwertgefühl. Es ist geprägt und gefiltert durch meine eigene persönliche Fähigkeit, meine Grenzen zu wahren und zu kommunizieren. Das ist ein sehr komplexes Thema.


Ja, ich bin selbst dafür verantwortlich, wie ich auf einen grenzüberschreitenden, übersexualisierten Kontakt (subtil oder nicht) reagiere, aber wir als Gemeinschaft tragen auch die Verantwortung dafür, Tanzräume sicher zu gestalten. Punkt. Selbst die Tatsache, dass ich meine Grenzen aktiv wahrnehmen muss, meinen "Radar" einschalten muss, den Raum scannen muss, um herauszufinden, wer sich sicher fühlt und mit wem ich nicht tanzen kann, ist ein Zeichen dafür, dass der kollektive Raum nicht sicher ist. Selbst wenn ich darüber nachdenken muss, ob ich die Energie habe, einen Versuch der Grenzüberschreitung abzuwehren, kann mich das davon abhalten, zu einer Jam zu gehen. Ich habe viele TeilnehmerInnen, die gerne CI in Workshops tanzen, genauso wie es viele ProfitänzerInnen und Tanz- und KörpertherapeutInnen gibt, die CI lieben, aber genau aus diesem Grund nicht zu Jams gehen.


Auf dem Kontaktland Festival 2020 haben Grégory Chevalier und die anderen OrganisatorInnen einen Austausch zum Thema Sicherheit organisiert, und die Frauen und Männer haben sich in zwei Gruppen aufgeteilt. In der Frauengruppe fragten wir uns gegenseitig, wie sicher wir uns auf Jams fühlen (nicht nur auf dem Festival Jam, sondern generell), und das Feedback lag meist zwischen "85 und 95 %". Am Anfang dachte ich: "Okay, das ist ziemlich gut", aber nachdem ich das Festival verlassen hatte, wurde mir klar, dass dies ein Spiegelbild dessen ist, was in unserer Jam-Kultur (und im Leben) vor sich geht. Wir (in diesem Fall die Frauen der Gruppe, aber ich sage nicht, dass es nur Frauen betrifft!) sind offensichtlich daran gewöhnt, dass wir nicht völlig sicher sind. Wir haben uns daran gewöhnt, dass es zu einer Grenzüberschreitung, einem sexualisierten Annäherungsversuch oder einer nicht einvernehmlichen Situation kommen kann. In einer idealen Welt sollten wir uns alle in unseren Tanzräumen zu 100 % sicher fühlen. Dies sollte nicht einmal eine Diskussion sein.


Wie können wir also einen Wandel herbeiführen?


Zunächst muss man sich des Themas bewusst sein. Wenn wir tanzen, ist das nicht nur eine körperliche Praxis, sondern eine energetische, Körper-Seele-Geist-Praxis. Zu sagen, Contact Improvisation sei nur Körperlichkeit, ist aus meiner Sicht eine eindimensionale, zu vereinfachte Sichtweise und lädt daher alle möglichen Schattenaspekte in die Praxis ein. Wenn ich mich selbst betrachte, beobachte und aus einem ganzheitlichen Körper heraus tanze, habe ich eine viel bessere Chance, zu bemerken, wenn ich die Grenzen eines anderen überschreite und wo ich für meine eigenen eintreten muss. Ich bin eine viel bessere ZuhörerIn wenn ich meinen inneren Körper, meinen emotionalen und energetischen Körper sowie meinen physischen Körper einbeziehe.


Zweitens: Eine Jam ist nur so sicher wie die Person, die sie initiiert. In der systemischen, phänomenologischen Aufstellungsarbeit sehen wir deutlich, dass wir das Feld, das wir (mit) erschaffen, direkt mitgestalten und beeinflussen. Wenn also OrganisatorInnen von Jams oder Festivals unklare Grenzen gegenüber sexuellem Verhalten haben, dann spiegelt sich das in dem Feld dieser speziellen Jam oder Festivals wieder. Man kann es beim Tanzen sehen. Wir haben bessere Tänze, wenn wir uns sicher fühlen.


Eines der größten Geschenke für mich beim Lernen und Halten von sicheren Räume ist für mich die Praxis von Authentic Movement. Wir lernen, zu sitzen, uns selbst zu beobachten, tiefe, manchmal unangenehme Gefühle zu erkennen, und wir lernen, sie zuzulassen und innerlich und verbal zu reflektieren. Dies ist nur ein Weg, um zu lernen, den Raum zu halten, aber ich denke, es ist notwendig zu lernen, sich dessen bewusst zu werden, wie groß dieser Gruppenkörper, das Gruppenpotenzial und der Gruppenschatten sein kann, den eine Jam einlädt.


Ich denke, dass dies einer der größten Fehler ist, den wir in der Contact-Gemeinschaft begangen haben, nämlich anzunehmen, dass Jams der einfache Weg in die Praxis sind. Der einfache Weg für neue Teilnehmerinnen, der einfache Weg für jemanden, etwas in der Gemeinschaft anzubieten und zu organisieren. Ich denke, von allen Formen, mit denen wir unsere wunderbare CI teilen, brauchen Jams eigentlich die meiste Aufmerksamkeit. Ich denke, es ist so wichtig, TänzerInnen, sowohl Anfängern als auch erfahrenen Tänzern, ein Gefühl der Sicherheit innerhalb eines klaren Rahmens von qualitativem Tanzunterricht und Trainingssettings zu vermitteln, so dass sie den Qualitätsunterschied erkennen können, wenn sie einen weniger sicheren Raum betreten. Ich empfinde das als meine Verantwortung als Lehrerin und denke, wir sollten in unseren Gemeinschaften klare Richtlinien aufstellen, um die Komplexität dieser Tanzform zu vermitteln.


Ich glaube, dass wir eine wunderbare Gelegenheit haben, tiefer in das Bewusstsein dieser genialen Tanzform einzutauchen. Ich unterrichte viel, und ich unterrichte CI auf eine Art und Weise, die ich jetzt Integrative Contact Improvisation nenne, eingebettet in meinen Zugang Holistic Dance. Für mich ist es so wichtig, dass alle Teile meines Selbst präsent sind, mein emotionales, energetisches, kompositorisches, künstlerisches, kinästhetisches und spirituelles Selbst. Nicht alle von ihnen sind gleichzeitig im Vordergrund. Sie verschieben sich und tanzen, aber ich habe Zugang zu mir selbst, weil ich schon einmal dort war. Mit diesem Ansatz bekomme ich Zugang zu meiner Sinnlichkeit und zu meiner Integrität, ich unterscheide zwischen energiegeladenem Tanzen und sexueller Erregung, ich lerne, mich als getrennt und gleichzeitig verbunden zu erleben.


Ich könnt noch viel zum Thema schreiben, über die Notwendigkeit von Schutzkräften, über positive Aggression und Macht, über die Gefahr von Identifikation und Anhaften an Narrativen. Aber es ist gut so, weil wir ja auch am besten dort heilen worüber wir gerade sprechen, beim Tanzen. Nachdem ich hier etwas von meiner persönlichen Geschichte erzählt habe, fühl ich mich verletzlich und aufrecht zugleich. Ich möchte mich nicht über meinen Missbrauch definieren und trotzdem ist es gut, es zu benennen. Die Praxis der Contact Improvisation und der Tanz im Allgemeinen hilft mir mich immer wieder neu zu definieren, lasst uns weiter lernen und lasst uns sichere Räume für uns selbst schaffen. Ich glaube, das brauchen wir alle.


*Der Schatten, wie er in der Jungschen Psychoanalyse betrachtet wird, ist ein Archetyp, der in jedem von uns vorhanden ist. Er stellt das Gegenstück zum Persona-Archetyp (unsere Persönlichkeit oder unser bewusstes Selbst) dar und wird wegen seiner antisozialen Tendenzen ins Unbewusste abgeschoben. Es sind die Dinge, die wir an uns selbst nicht mögen. Als Teil des Individuationsprozesses reifen wir und integrieren Teile des Schattens in die gesamte Persönlichkeit.


**Viele dieser Aspekte, über die ich hier spreche, gelten also für sexuellen Missbrauch im Allgemeinen, aber ich weise speziell auf die Unklarheit und den Heilungsbedarf bei energetischem Missbrauchsverhalten hin.



(c) Cristi Serban

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